Symbolbild, KI-generiert.
Das „Problem im Stadtbild"
Was Merz meinte, sagte er nicht. Ich sage es – konkret, an meinem eigenen Wohnort.
Als Bundeskanzler Merz Mitte Oktober 2025 bei einer Pressekonferenz mit Brandenburgs Ministerpräsidenten Woidke sagte, man habe trotz sinkender Migrationszahlen „immer im Stadtbild noch dieses Problem", war die Empörung groß – und die Kritik daran teilweise berechtigt.
Merz blieb vage. Er sagte nicht, was er meinte, nur dass es ein Problem gebe. Genau diese Unschärfe halte ich für das eigentliche Problem an der Aussage, nicht die Tatsache, dass es ein Unbehagen gibt. Also sage ich, was ich meine, konkret, an meinem eigenen Wohnort.
Der Berliner Platz/ZOB in Bottrop gilt seit Jahren als Angstraum. Beim WAZ-Familien-Check gaben laut WAZ vom 13.08.2026 zuletzt nur vier Prozent der Befragten an, sich dort sicher zu fühlen. Bei einer früheren Umfrage wurde der Ort sogar als „No-Go-Area" bezeichnet. Das sind keine gefühlten Eindrücke, das sind Umfragewerte. Die Häufung der letzten Wochen macht deutlich, warum: Am 11. Juni gab es einen Polizei-Schwerpunkteinsatz mit mehreren Strafanzeigen und einer Ingewahrsamnahme.
Drei Tage später wurde eine 17-Jährige sexuell belästigt. Anfang Juli griffen Jugendliche den Künstler Sponk während der Arbeit an seinem Kunstwerk mit Glasflaschen an – er lässt sich seitdem von einem eigenen Sicherheitsmitarbeiter schützen. Der Unterstand am ZOB wurde mit Zuckerwürfeln, Eiern und Mehl beworfen, es gab einen Rettungswageneinsatz, bei einem 52-Jährigen wurde eine illegale Waffe gefunden, zuletzt musste der Kommunale Ordnungsdienst wegen Lärmbelästigung durch eine Gruppe von zwölf Jugendlichen die Polizei zu Hilfe rufen.
Die Stadt reagiert seither mit einer täglichen Präsenz des Ordnungsdienstes ab 19 Uhr, ein Ende ist nicht absehbar.
Wenn ich spätabends (21 Uhr, Schokolade kaufen bei Kaufland) dort langlaufe, sehe ich häufig Gruppen junger Menschen, fast ausschließlich Männer, die sich lautstark oder bedrohlich verhalten.
Welchen Pass sie haben, weiß ich nicht – und für das, was ich beschreibe, ist es auch nicht relevant.
Aber es sind nicht nur Jugendgruppen: Erst am 17. August fiel laut WAZ vom 19.08.2026 am Nachmittag ein 39-jähriger Bottroper auf, der herumschrie, Glasflaschen warf und sich einem Platzverweis widersetzte, sodass die Polizei ihn in Gewahrsam nehmen musste. Wenige Stunden später, auf der nahen Hochstraße, ein weiterer Platzverweis wegen Lärmbelästigung.
Es geht mir also nicht um eine bestimmte Gruppe, sondern um einen Ort, an dem seit Wochen praktisch im Wochentakt irgendetwas eskaliert – mit wechselnden Beteiligten. Genau das macht ihn zu einem Angstraum, nicht die Zusammensetzung derer, die dort auffallen.
Das ist, was ich unter „Problem im Stadtbild" verstehe: kein diffuses Gefühl, sondern ein Ort mit Namen, mit Vorfällen, mit Datum. Wer darüber redet, sollte so konkret werden wie möglich – und genau das hat Merz nicht getan, oder wollte es nicht. So überlässt man das Feld denen, die aus der Unschärfe politisches Kapital schlagen wollen.